Verfasst von: faucone | 31. 8. 2008

Schreiben

„Schreib etwas!“, sagte Sie.

Etwas schreiben, ich? Ich, der ich um Schreibwarenläden einene Bogen machte, wie die Maus um die Mausefalle. Ich, dessen Häde schon vom Anblick eines Füllhalters blau wurden, ich, der ich schon in der Grundschule immer eine Vier im Schönschreiben hatte. Eine Vier. Unfähig.

Ich erfüllte Ihr gern Ihre Wünsche, doch diesmal musste Sie wohl ohne auskommen. Dabei hatte Sie sich am Telefon so vergnügt angehört, so unbeschwert, so, als sei dies die einfachste Sache der Welt. Ich hatte Ihr meine Zweifel erklärt, Sie gewarnt, es würde grausam werden, Sie angefleht, Sie angeschrien. „Nein“ hatte Sie gesagt, „das ist diesmal mein einziger Wunsch.“ Ich solle hinaus gehen, spazieren, mich mit anderen Leuten treffen oder mir ein stilles Plätzchen suchen. Ich könne aufscheiben, was ich dachte, was ich fühlte, was ich erlebte, was andere dachten, fühlten, erlebten. „Du kannst das!“ und dann legte Sie auf.

Ich verstand Sie nicht.

Es war nicht so, dass ich es nicht versuchte. Schon die ganze Woche war ich unterwegs gewesen, war durch die Straßen gegangen, hatte Leute getroffen, hatte das Museum und das Kino besucht. War mal schnell, mal langsam gelaufen, mal auf belebten Boulevards, dann wieder in einsamen Seitengassen. War mit der U-Bahn in andere Stadteile gefahren, war früh aus dem Haus gegangen, den ganzen Tag unterwegs gewesen und abends wiedergekehrt. Unverrichteter Dinge. Ich verstand einfach nicht, was man über diese Stadt, über dieses Land, über diese Welt hätte schreiben können. Die Ampel wird rot, also hält das Auto an. Es wird Herbst, also werden die Blätter braun und fallen von den Bäumen. Das Kind fällt hin, also weint es und wird von der Mutter getröstet. Das war alles so trivial! Nein, dann lieber Ihren Wunsch nicht erfüllen, dann lieber gar nichts schreiben.

Aber…

Das konnte es doch nicht gewesen sein. Ich musste doch einfach etwas übersehen haben. Heute war mein letzter Tag und ich wollte es noch einmal probieren. Wenn es heute nicht klappte, war es unmöglich, eine unlösbare Augabe, und vor allem war ich nicht derjenige, der sie lösen konnte. Ein Versuch noch und der musste an einem wirklich besonderen Ort geschehen. Ich überlegte. Welcher Ort war in einer Stadt wirklich außergewöhnlich und, wichtiger, wo war ich noch nicht gewesen? Ich breitete den Stadtplan vor mir aus und markierte, was ich alles schon besucht hatte. Nein, das war unbefriedigend und nicht der Schlüssel. Als nächstes betrachtete ich die eingezeichneten Koordinaten, fuhr sie ab, aber auch hier war kein besonderer Ort zu entdecken. Dann fiel es mir ein. Natürlich. Das war die Lösung. Einfach, und doch musste das der Ort sein, den ich heute aufsuchen würde. Ich musste den Mittelpunkt der Stadt ermitteln. Den Punkt, von dem jeder andere Punkt der Stadt den kleinsten Abstand hatte. Nun war die Sache einfach, ich tippte ein paar Gleichungen in meinen Computer, machte mich ausgehfertig, während er rechnete und wartete gespannt auf das Ergebnis. Es lag an einer Kreuzung. Nun, der Computer hatte es gesagt, also markierte ich die Stelle auf dem Stadtplan, suchte mir die kürzeste U-Bahnverbindung heraus und machte mich auf den Weg.

Von der U-Bahnstation, an der ich ausstig, würde ich noch ein kleines Stück zu Fuß gehen. Ich nahm die Rolltreppe und als ich oben ankam, musste ich erst einmal blinzeln. Ich war in eine der nobelsten Gegenden dieser Stadt geraten. Natürlich hatte ich gewusst, dass es hier reiche Leute gab, sehr reiche Leute, aber dass mich meine Suche ausgerechnet in ihre Nähe führen würde, das hatte ich nicht erwartet. Dennoch. Hier ganz in der Nähe war der Mittelpunkt der Stadt, und ich würde ihn besuchen. Ich lief los, was hier eine sehr außergewöhnliche Art der Fortbewegung zu sein schien, denn obwohl mir in der ganzen Stadt immerzu Menschen auf den Bürgersteigen begegnet waren, sah ich nicht einen. Ich ging vorbei an großen Villen, hohen Zäunen mit Alarmanlagen, dahinter große Hecken, damit man auch ja nicht sah, wer sich hier verbarg. Zu einigenGrundstücken war nicht einmal ein Eingang zu sehen. Alles war sauber und ordentlich, die Bürgersteige gefegt, die Straßenbäume verschnitten, die Straßen makellos asphaltiert. Trotzdem war es eine gespenstige Gegend, denn es gab keine sichtbaren Menschen. Alle versteckten sich vor dem Anblick der Welt in ihren großen, mächtigen Festungen. Ich war froh, als ich in die Straße einbog, auf der mein Ziel lag.

Schließlich sah ich die Kreuzung vor mir. Und zum zweiten Mal am heutigen Tag war ich sprachlos. Hier, in diesem aalglatten Stück Welt, an der Kreuzung, die ich gesucht und gefunden hatte, hier gab es einen Spielplatz. Aufgeregt nahm ich noch einmal meinen Plan zur Hand. Nein, es bestand kein Zweifel. Dieser Spielplatz lag im Mittelpunkt der Stadt. Langsam ging ich auf sein Tor zu. Dieser Gegensatz überwältigte mich. Dann begann ich zu begreifen. Trivial. Aber…

Immer mehr Gedanken sammelten sich in meinem Kopf, ich setzte mich auf eine Bank, nahm Papier und Bleistift heraus. Ich blieb bis zum Abend, dann war ich vollkommen erledingt und sehr zufrieden. Ich fuhr zurück, packte meine Sachen, am nächsten Tag verließ ich die Stadt.

„Schreib etwas.“ Schreib mir etwas. Ihr. Und dem Rest der Welt.

Advertisements

« Newer Posts

Kategorien