Verfasst von: faucone | 28. 4. 2011

Sterben

„Ich wünsche, dass keine lebensverlängernden Maßnahmen durchgeführt werden, wenn ich mich aller Wahrscheinlichkeit nach unabwendbar im unmittelbaren Sterbeprozess oder mich im Endstadium einer unheilbaren, tödlich verlaufenden Krankheit befinde.“

Sie haben diese Patientenverfügung bei vollem Bewusstsein mit bestem Wissen und Gewissen persönlich ausgefüllt, und sind immer noch der Ansicht, das dies der richtige Weg ist?
Ein stummes Nicken. Wann würde das endlich aufhören? Immer wieder Formulare, immer wieder die selben Fragen, nur die Leute änderten sich von Zeit zu Zeit. Dabei wollte er doch so etwas einfaches: sterben. Sanft streicht die Hand seiner Schwester über seine eigene. Sie beruhigte ihn immer. Sie konnte ihn verstehen. Sie hatte die unendliche Geduld, all das mit ihm durchzustehen. Immer im Bewusstsein, dass er am Ende des Weges nicht mehr da wäre. Gegangen. Weg. Und sie würde hier zurückbleiben, in dieser grausamen, höhnischen Welt. Vielleicht käme sie einst selber in diese Situation. Wer würde ihr dann helfen? Der Gedanke macht ihn traurig. Sie bemerkt es sofort, dreht den Kopf zu ihm um. Ein verlegener Blick, ein winziges Kopfschütteln und sie wendet ihre Aufmerksamkeit wieder dem Mann zu. Vorher hatte sie ihm erklärt, dass das heutige Gespräch wichtg werden würde. Eine Entscheidung bringen. Er hatte sich gefreut, alles war besser als diese endlose Ungewissheit, die er schon viel zu oft erfahren hatte, doch nun war es ihm fast gleich. Er bekam nichts von dem mit, was der Mann sagte. Durch die starken Medikamente bekam er so und so wenig mit, was ihn oft so wütend und so hilflos zugleich machte. Ihr konnte er dennoch fast immer seine Aufmerksamkeit schenken. Diesem nichtssagendem Mann dagegen schuldete er ein so hohes Gut nicht. Er war nicht wichtig. Sicher, er sollte die Entscheidung fällen, aber wer war er schon? Einer, der zufällig gelernt hatte, Paragraphen auswendig zu wissen. Der aalglatt im Anzug durch die Gegend laufen konnte und an diesem Ort noch viel deplatzierter wirkte, als irgend sonst. Der mit Papieren Leute überzeugen, einschüchtern, verunsichern, für sich einnehmen konnte. Und sonst? Nichts. Einer von den vielen grauen Typen. Dennoch bekam er nun ungewollt einige seiner Worte mit. Von abwesend, umnebelt sprach er. Nichteinmal die passenden Worte wollten ihm hier einfallen. Eine traurige Existenz. Er bewunderte seine Schwester, wie sie ihm ruhig etwas von den starken Medikamente erzählen konnte. Früher hätte er das vielleicht sogar selber gekonnt. Nein, das war nicht mehr seine Welt. Längst nicht mehr. Und es wurde Zeit, dass er sie auch formal und offiziell verlassen durfte. Eine Welt, in der fast alles möglich war. Nur gehen, das wurde einem schwer gemacht. Und das nannte sich sozial. Egal, er hatte sich schon zu oft darüber gewundert, es war nicht mehr wichtig, nicht mehr sein Problem. Er bekam gerade noch zufällig die letzte Frage des Mannes mit: Haben sie noch einen letzten Wunsch? Er stellte sie schon gar nicht mehr ihm, nachdem er wohl vorher auf mehrere keine Antwort bekommen hatte. Er wusste es nicht. Seine Schwester blickte ihn an, dann zur Tür, sagte etwas belangloses, und der Mann verschwand. Es waren wohl beide froh, dieser Situation entkommen zu sein. Er drehte den Kopf zu seiner Schwester. Sie lächelte ihn an. Wir haben es geschafft. Sagte sie. Einfach so, wie immer, ganz natürlich. Er wusste, wie schwer ihr das fiel. Sie konnte sich nicht für ihn freuen und auch er empfand keine wirkliche Freude, eher Erleichterung. Sie verlassen zu müssen war das Schlimmste. Das Allerschlimmste. Dennoch. Er hatte sich entschieden und sie ebenfalls. Er wollte gehen, sie bleiben und ihn verabschieden. Er änderte seine Meinung nicht gern. Es stand fest, nichts worüber man sich noch allzu viele Gedanken machen musste. Sie sprach wieder und er versuchte ihr zuzuhören, auch wenn das nicht einfach war nachdem schon der unwürdige Mann einige seiner begrenzten Kräfte in Anspruch genommmen hatte. Sie schien dies zu bemerken, fing mit unwichtigen Belanglosigkeiten an, bis er wieder mehr bei der Sache war. Dann schlug sie einen Ton an, der ihn aufhorchen lies. Anders als sonst, eine Mischung aus Rebellion, Schuld, Furcht, Verschmitztheit und etwas, das ihn an lange vergangene Jugendtage erinnerte, was er aber im Moment noch nicht klar einordnen konnte. Sie sagte: Ich habe noch ein letztes Geschenk an dich. Ich konnte dir schlecht Blumen besorgen (ein Lächeln huscht über sein Gesicht, das war es, was er so an ihr mochte), deswegen habe ich dir das hier mitebracht. Sie hielt eine kleine, blaue Tablette vor sein Gesicht. Er schaute direkt zu ihr auf. Hätte er noch sprechen können, hätte er etwas irritiert und leicht empört gesagt, dass dies aber ein sehr kleines Geschenk zum Abschied wäre und dass er im Moment noch dazu nicht besonders gut auf Tabletten zu sprechen wäre. Aber er konnte nicht sprechen. Er versuchte es, doch er scheiterte kläglich. Er sah sie wieder an. Und sie las genau diesen Satz in seinen Augen. Er war beruhigt. Sie sagte: Keine Angst, das hier ist etwas völlig anderes. Du kannst es jetzt nehmen oder später, es hat keine Nebenwirkungen mit dem Morphium, die anderen Medikamente wirken nicht mehr. Sie sah seinen immer noch fragenden Blick. Es bringt dich leichter dorthin wo du sein möchtest. Er lächelte sie an.

Advertisements

Responses

  1. Mehr als drei Jahre alt und das Original endete leider unvollendet bei „Es bringt dich“. Ich weiß nicht mehr wie ich es damals enden lassen wollte, daher nun ein vielleicht zu abrupter möglicher Schluss.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: