Verfasst von: faucone | 27. 4. 2011

Leben mit einem Notitzbuch und einer Zahnbürste

Diese Überschrift war es gewesen, die ihn neugierig gemacht hatte. Er hatte den Link angeklickt und sich auf der Seite eines Alternativurlaubsanbieters wieder gefunden.

Guten Tag! Sind Sie Herr Mayer?
Ja?
Freut mich, ich bin Frau Stöckel, die Organisatorin dieses Programmes. Von mir erhalten Sie die ersten einführenden Informationen. Wie ich sehe, scheinen Sie sich ja an die Vorgaben gehalten zu haben. Das freut mich!
Was wäre, wenn das anders gewesen wäre?
Ein wenig hatte er ja schon überlegt, ob die Vorgaben nicht etwas zu strikt waren und er sie heimlich doch nicht so streng sehen sollte. Aber er hatte sich dagegen entschieden und war bereits ein wenig stolz auf seine Entscheidung.
Nichts. Wie kontrollieren unsere Kunden nicht, denn im Grunde ist es ihre Sache. Wir können nur sagen, dass die zufriedensten Kunden die waren, die sich an die Vorgaben gehalten haben. Wir wissen, dass das nicht einfach ist, aber wer es nicht versucht, hat schon am Anfang verloren. Und sie hätten unser Programm nicht gebucht, wenn sie nicht bereit wären, es zu versuchen, richtig?
Stimmt.
Sehen sie. Haben Sie sonst noch Fragen an mich?
Nicht direkt, aber Sie sagten, sie hätten einführende Informationen für mich?
Stimmt. Aber vielleicht werden Sie auch darüber enttäuscht oder gar entrüstet sein. Ein verschmitztes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ich werde ihnen nämlich nur drei Dinge geben: einen Busfahrschein, Schlüssel und eine Adresse. Und nun verabschiede ich mich auch schon von Ihnen. Viel Glück und viel Erfolg!
Und weg war sie.

Er sah sich die drei Objekte genauer an. Die Adresse war, soweit er das beurteilen konnte, unvollständig, da sie nur einen Weg und eine Hausnummer, aber keine Stadt oder Postleitzahl enthielt. Die Schlüssel waren groß und abgenutzt, scheinbar gehörten sie zu einem alten Haus. Es waren zwei, einer wohl für die Eingangstür, aber wofür der andere war konnte er sich noch nicht denken. Es würde sich herausstellen. Das Busticket war noch den ganzen Tag gültig und schien deutlich über die Stadtgrenze hinauszureichen. Es wäre wohl auch zu einfach gewesen, wenn sich die Adresse in dieser Stadt befunden hätte.
Er dachte nach. Es schien, als sollte er die Adresse herausfinden und dann mit dem Bus dorthin fahren. Ob das das Ziel war oder nur eine Etappe wusste er nicht, aber auch das würde sich finden. Da er die Stadt nicht kannte, fragte er den nächsten Passanten nach einer Telefonzelle oder einer Post. Beim ersten hatte er kein Glück, doch der zweite wusste, dass sich eine Post ein ganzes Stück die Straße runter befand. Also machte er sich auf den Weg.

Die Postbeamtin schaute ihn etwas verwirrt an, als er fragte ob sie wisse, zu welcher Stadt die Straße gehörte, die auf dem Zettel stand. Sie meinte, diesen Namen hätte die noch nie gehört, holte aber nach einer kurzen Erklärung ein Telefonbuch hervor und versuchte sie zu finden. Leider erwies sich das als gar nicht so einfach, da sie nicht nach der Straße oder Telefonnummer einer Person oder Firma suchten, sondern nach dem Ort einer Straße. Schließlich erinnerte er sich, dass in den Telefonbüchern manchmal Karten waren mit alphabetisch geordneten Straßennamen der darauf befindlichen Orte. Schließlich fanden sie die Straße, oder besser den Weg, der nicht mehr zu sein schien, als ein besserer Feldweg mit ein paar Hüttchen. Er fragte noch, ob sie wisse wie er dahin käme aber sie verneinte. Also bedankte er sich und machte sich auf die Suche nach einer Bushaltestelle.

Der Herr in der Busauskuft schaute auch erst skeptisch, war dann aber von dem Programm hellauf begeistert und meinte Herr Mayer müsse ihm unbedingt erzählen, wie es ihm gefallen habe. Sie tauschten Emailadressen aus, bevor er ihm die Verbindung heraussuchte. Er würde etwa zwei Stunden unterwegs sein und dann noch ein gutes Stück laufen müssen. Aber er konnte die Linie nehmen die vor der Tür abfuhr. Das gab dem Fahrkartenverkäufer Gelegenheit noch einen ganzen Haufen weitere Fragen zu stellen, welche auch Herr Mayer zu einem großen Teil noch nicht beantworten konnte.

Die Landschaft durch die er kam war hübsch und wurde zunehmend hügeliger. Als er schließlich in dem kleinen Dorf ankam, dämmerte es schon. Er hatte sich in etwa gemerkt wo der Weg sein müsste, doch nun sah vieles doch ein wenig anders aus. Er war an der Kirche ausgestiegen und wusste wieder nicht, in welche Richtung er laufen sollte. Glücklicherweise stand ganz in der Nähe ein älterer Herr den er fragte. Der Herr grummelte zwar ein wenig und hatte einen ausgeprägten Dialekt, doch schließlich verstand er wohin er gehen müsste. Und dass er vorsichtig sein solle, wegen dem „Stia“. Er wusste zwar nicht, was mit einem Stia gemeint war aber vermutlich würde er auch das herausfinden.

Der Weg führte ziemlich steil bergauf, so dass er schon nach kurzer Zeit außer Atem geriet und langsamer gehen musste. Nach einiger Zeit kamen nur noch vereinzelt Häuser, schließlich hörten auch diese ganz auf. Er wunderte sich, da die angegebene Hausnummer noch nicht gekommen war und die Zählung genau eine Nummer darunter aufgehört hatte. Andererseits war scheinbar auch der alte Mann an der Kirche verwundert gewesen, dass er heute noch so weit wollte. Also ging er weiter. Nach einer Weile kam er an ein Gatter an dem ein Schild hing: Achtung, freilaufender Stier. Das also war der Stia gewesen. Nun, immerhin wusste er nun, dass er noch richtig war. Er hoffte, dass der Stier schon schlafen würde.

Endlich sah er sie von weitem. Eine kleine Holzhütte und daneben ein Herzelhäuschen. Hier würde er also die nächsten vier Wochen verbringen. Am Eingang angekommen merkte er, dass der kleine Schlüssel zu Tür gehörte. Der größere Schlüssel gehörte zu einem Kasten in den man anscheinend Post einwerfen konnte. Allerdings bezweifelte er, dass der Briefträger sich die Mühe machen würde hier herauf zu kommen. Er trat ein. Die Hütte hatte nur einen Raum mit einem Tisch, einem kleinen Herd und etwas abgetrennt einem Bett. Es gab keinen Wasserhahn, doch hatte er hinter der Hütte einen Trog gesehen der von einem kleinen Bach gespeist wurde. In der Luft hing ein angenehmer Geruch nach frischer Kartoffelsuppe. Hungrig wie er war aß er zwei ganze Teller der Suppe, die auf dem Herd bereit stand. Dann fiel er müde ins Bett.

Bevor er einschlief, erinnerte sich, was die Vorgaben sagten.
Schreiben sie Dinge auf, wann immer sie Lust dazu haben. Aber schreiben sie in jedem Fall jeden Abend auf, was sie an dem Tag erlebt haben, und was ihre Gedanken waren. Sie entscheiden, wie lang der Bericht wird und ob sie ihn uns zu lesen geben oder nicht. Er wusste nicht, wie er letzteres anstellen sollte aber Erlebnisse und Gedanken hatte er eine Menge. Besonders dachte er über das Programm nach und ob es wirklich so gut war, wie es versprach und wie er in vielen Berichten gelesen hatte. Der Anfang war jedenfalls ein wenig abenteuerlich aber vielversprechend gewesen.

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Responses

  1. Es hat fast zwei Jahre ein einsames Dasein auf meiner Festplatte gefristet, ist also eigentlich schon älter.


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