Verfasst von: faucone | 10. 1. 2010

Das Haus

„Sie wünschen?“ Er grinste breit. „Das wissen Sie. Das Beste!“ „Selbstverständlich. Sie sind mit dem Anderen zufrieden?“ „Mehr als zufrieden, danke vielmals.“ „Das Beste… genau genommen gibt es das nur einmal. Sie wissen, dass man eigentlich nur eines besitzen darf?“ „Natürlich.“ Noch ein Grinsen. „Nun ja, es könnte sein, nein, es ist sogar wahrscheinlich, dass ihnen dieses nie gehören wird. Und dass es ihnen dies zeigt.“ „Ich denke, ich werde damit klarkommen.“ „Gut.  Ich würde vorschlagen, sie nehmen eines, was hinsichtlich eines anderen Aspektes das Beste ist. Einverstanden?“ „Ich vertraue da ganz ihrem Urteil.“

Langsam drehte er den Schlüssel, drückte die Klinke herunter, schob die Tür auf und betrat das Haus. Weiches freundliches Licht umfing ihn. Vor sich sah er einen Flur von dem wenige Türen abgingen und der auf der gegenüberliegenden Seite in eine Treppe mündete, die nach oben führte. Ein wenig wunderte er sich, dass er keine Treppe nach unten sah, war der Keller im Gespräch doch ausdrücklich erwähnt worden. Aber sicher würde sich dieses Rätsel noch lösen.

Das erste Zimmer, was er zu seiner Rechten betrat war eine Küche. Sie wirkte einladend mit ihrem großen Tisch in der Mitte, ringsum waren allerlei Schränke und Kücheneinrichtung gestellt und es gab zwei Fenster mit Gardinen. Der Raum wirkte sehr lebendig, als hätte ihn die Hausfrau nach dem Abwaschen gerade erst verlassen und wäre nur kurz die Zutaten für das Abendessen einkaufen. Es schien der Ort, wo die Familie sich traf, wo mit Bekannten geredet wurde und wo ein wichtiger Teil des Lebens abläuft.

Die Funktion der anderen Räume auf dieser Etage war teils weniger eindeutig. Es gab zwei Abstellkammern und ein altes Schlafzimmer, was fast schien, als wäre es vergessen worden. Die Dinge in den Abstellkammern dagegen wirkten neu und modern und waren zudem ordentlich aufgeräumt. Alles in allem schien die untere Etage des Hauses ein wenig verdreht und verschroben, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig existierend mit ihren Geheimnissen doch friedlich und willkommenheißend.

Langsam stieg er die Treppe hinauf. Schon dabei schien sich die Atmosphäre, die das Haus ausstrahlte zu verändern. Oben angekommen spürte er deutlich, dass er nun in einen Bereich eindrang, in dem nur oberflächlich die Dinge so waren, wie sie schienen, der seine kleinen Geheimnisse in die untere Etage ausgelagert hatte um kleine Geister von den großen abzulenken, die er verbarg. Keiner würde je hinter alle kommen, auch wenn ihm dieses Haus sehr lange gehörte. Dennoch war auch hier die Anwesenheit des eigentlichen Besitzers zu spüren, die wie ein zarter, monotoner Duft zwischen all den verschiedenen Aromen lag. Er hatte etwas beruhigendes, etwas, das daran erinnerte, dass es sich auch bei diesem Haus um ein Wohnobjekt handelte. Dennoch verriet er auch Wachsamkeit, das Wissen um die Besonderheit des eigenen Hauses mit all seinen Tücken und Verständnis für jene, die von diesen abgeschreckt wurden.

In dieser Etage war der Gang deutlich länger, und die rechts und links abgehenden Türen waren jeweils versetzt angeordnet. Einige Türen hatte Schilder, andere waren nur angelehnt oder ganz offen und wieder andere verschlossen.  Bei einigen fehlte  die Klinke oder sogar das ganze Schloss.  Am Ende des Ganges erkannte man im dämmrigen Licht erneut eine Treppe, die diesmal sowohl nach oben, als auch nach unten führte.

Der erste Raum auf der linken Seite, den er betrat und dessen Tür nur angelehnt war, war nur ein Durchgangszimmer zum nächsten Raum, dessen Tür verschlossen und ohne Klinke war. Es gab nicht viel mehr, als einen alten Kleiderschrank und mit dunklen Vorhängen verhangene Fenster. Licht drang durch die Tür zum Nachbarraum, merkwürdiges Licht, welches ein wenig an das freundliche Licht in der Küche erinnerte, allerdings fordernder war zu sich selber und zu anderen. Das Zimmer selber enthielt wie diese einen großen Tisch, welcher allerdings viel prachtvoller und einschüchternder war. Er stand im Kontrast zum Rest des Raumes, der völlig kahl und unmöbliert war. Der Tisch und die dazugehörigen Stühle waren die einzigen Gegenstände, die er enthielt. Nach außen hin hatte die Tür eine Klinke durch welche er wieder in den Gang zu gelangen glaubte.

Dem war jedoch nicht so. Stattdessen gelangte er in einen anderen deutlich kürzeren Gang dessen eine Seite aus Fenstern bestand in welche Milchglas eingelassen war,  sodass man nicht hinausschauen konnte. Auf der anderen Seite gab es noch zwei weitere Türen, welche von ihrer Form und Umgebung her symmetrisch waren. Er öffnete die erste und sah sich einem verwirrenden Gewirr von Spiegeln gegenüber, welche sich auch im inneren des Raumes fortzusetzen schienen. Da er diesen Raum lieber nicht betreten wollte, öffnete er auch die zweite Tür. Doch auch hinter dieser gab es nur Spiegel. Etwas sagte ihm, dass in diesem Gewirr eine Verbindung zwischen den Räumen war (vielleicht war es auch nur ein Raum) die ihn nicht weiter kommen lassen würde. Am Ende des Ganges standen in einer Ecke ein alter Besen und eine Leiter. Als er nach oben blickte, sah die Unterseite einer Falltür. Er stellte die Leiter auf, stieg hinauf und öffnete sie.

Sofort nahm er wieder den zarten Duft wahr, den er schon vorhin gerochen hatte und welcher hier viel intensiver war. Diese Intensität schien durch die anderen Aromen selber zu kommen, die an dieser Stelle versuchten, die Zartheit voll zur Entfaltung zu bringen. Es lies auch sie selber angenehmer und weniger verwirrend scheinen, so als könne diese Zartheit vieles mildern. Außerdem wurde deutlich, dass alles eine Einheit bildete, dass kein Aroma ohne das andere hätte sein können. Der Raum, den er nun betrat, war groß, hell und offensichtlich das Wohnzimmer. Es gab verschiedene, moderne Möbel, abstrakte Kunstwerke, die im Raum umherstanden, einige exotische Pflanzen und einen weißen Flügel. In einer Ecke stand außerdem ein Käfig mit einem Papagei, der, als er ihn anschaute, krächzte und laut: Ist Ullrich wieder in Papua Neuguinea? fragte. Er verneinte. Der Papagei krächzte wieder und schien sich damit zufrieden zu geben. Die Fenster mit den schweren Samtvorhängen boten einen wunderschönen Ausblick auf eine ruhige Landschaft mit Feldern, Wäldern und Seen, die man erahnen konnte. Der Raum hatte zwei Türen, von denen eine zu einem Essensaufzug gehörte und die andere wieder in den Gang führte, den er vorhin verlassen hatte.

Er drückte die Klinke der zweiten Tür von rechts herunter. Sie selber ließ sich nicht bewegen, jedoch sprang das Schloss der gegenüberliegenden Tür auf. Diese hatte ein Schild. Die abblätternde Farbe der Buchstaben selber bedeckte nur noch Fragmente dessen, was einst da gestanden hatte, doch war es immer noch klar lesbar, da das Holz ringsherum dunkler geworden war. Auf dem Schild der Tür stand: verbotener Raum.

Langsam schob er sie auf und betrat den dahinter befindlichen Flur. Die Luft hier war ruhig, warm, ein wenig betörend und hatte eine Note, der er bisher noch nicht begegnet war: Frische mit einem Hauch von verlangen. Langsam ging er ein Stück weiter und als er um eine Ecke bog, sah er vor sich die einzige Tür des Flures. Sie war offen und führte anscheinend nach draußen, doch war er im ersten Moment so sehr von der tief stehenden Sonne geblendet, dass er nichts klar erkennen konnte. Er trat hinaus und war umgeben von einem Meer an bunten Blumen jeglicher Art.

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Responses

  1. 🙂 Und weiter?

  2. Hehe, stimmt, hab ich vor einiger Zeit und dann nicht wirklich fertig geschrieben :).

  3. Beim ersten Absatz habe ich mir Toby vorgestellt … und am Ende konnte ich mir vorstellen, wie er laut „hiu!“ ruft 😉

    Sehr schöner Eintrag jedenfalls. Und er macht mich ein bisschen nachdenklich darüber, was denn „zu Hause“ ist.

  4. Ach, der Anfang gehört doch ganz anders! (Habe es geändert ;).) Ja, was „zu Hause“ ist und wo wir hingehören war eine Frage die mir auch kam.

    Toby, *g*, jetzt wo du es sagst.


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