Verfasst von: faucone | 13. 5. 2009

Prüfungen

Leise klopfte sie an die Tür und wartete eine Weile. Innen hörte sie Geräusche, die vermuten ließen, dass Dinge bedächtig zur Seite geräumt wurden.
Herein?
Langsam öffnete sie die Tür.
Ihr habt mich rufen lassen, Meister?
Ja.
Mit der gewohnten Handbewegung wies er sie an, vor ihm nieder zu knien.
Ich habe einen Auftrag für dich.
Sie senkte den Kopf um ihre Aufmerksamkeit zu signalisieren und um zu zeigen, dass sie bereit war zu tun, was man ihr auftrug.
Du kennst die Uhr im höchsten Turmzimmer?
Wieder nickte sie.
Bring sie her!
Erstaunt sah sie auf.
Habe ich dir erlaubt aufzusehen?
Nein Meister.
Schnell senkte sie ihren Kopf.
Sehr gut so. Bring sie zu mir. Doch vorher öffnest du sie und legst an, was du in ihr findest. Hast du mich verstanden?
Ja Meister.
Gut. Du weißt, was deine Belohnung sein kann, wenn du dies bis Mitternacht schaffst. Und nun geh und enttäusche mich nicht!
Verwirrt erhob sie sich und verließ den Raum.

Was hatte das zu bedeuten? Seid sie hier war hatte sie unzählige Aufträge erfüllt, größere und kleinere. Jeder der hier lernte, tat dies. Im Grunde genommen, war es die Art, wie man hier lernte: man erledigte einen Auftrag für einen Meister und nachher bekam man etwas von dessen Wissen mitgeteilt. Die Reihenfolge mit der man die Meister durchlief war sehr genau festgelegt und für jeden gleich. Die Aufträge dagegen waren unterschiedlich. Sie wurden individuell vergeben, je nach Persönlichkeit, Wissensstand, Neugier und Reife des Schülers. Manchmal waren es kleine Tests, manchmal Dinge, die erledigt werden mussten; manchmal war offensichtlich was zu tun war, bei anderen ergab sich das erst mit der Ausführung. Auch die Schwierigkeit war verschieden, doch war es im allgemeinen so, dass sie mit zunehmendem Lernfortschritt ebenfalls zunahm. Wie gesagt, alle Aufträge waren verschieden bis auf zwei Ausnahmen: der erste und der letzte Auftrag. Den ersten Auftrag kannte natürlich jeder, doch der letzte Auftrag war ein gut gehütetes Geheimnis und nur den Meistern bekannt. Eine weitere Besonderheit war, dass diese beiden Aufträge von ein und dem selben Meister erteilt wurden, da der erste Meister auch der letzte war. Bei allen anderen Meistern lernte man nur einmal, doch dieser hatte die Ehre alle neuen Schüler einzuweisen und alle Absolventen der Schule zu verabschieden. Der erste Auftrag war einfach: man musste nur den Weg zum höchsten Turmzimmer finden und von der Uhr die aktuelle Zeit ablesen. Jeder neue Schüler nahm das sehr ernst, worüber immer wieder Witzeleien gemacht wurden. Denn die Zeit, die die Uhr zeigen würde, war für jeden Schüler gleich: sie zeigte genau null Uhr, wenn der Schüler Raum betrat. Wenn er dann mit dieser Information zu seinem Meister zurückkehren wurde, würde dieser ihm verbieten, von nun den Raum im Turm zu betreten bis er eine anders lautende Anweisung erhielt. Dies war die erste Lektion, die jeder neue Schüler lernte.
Es würde weitere Auftrage geben und weitere Lektionen, die bei diesem Meister aus dem Erlernen von Gehorsam bestanden. Die Schüler lernten, dass sie ihrem Meister immer und in jeder Situation zu gehorchen hatten. Teils waren diese Lehren nicht schmerzfrei und im Grunde war jeder froh, wenn er zum naschten Meister wechseln konnte. Denn noch verstanden sie nicht, was dies mit dem zu tun haben sollte, was sie hier eigentlich lernen wollten.

Bei diesen Gedanken und Erinnerungen musste sie lächeln. Nein, auch sie hatte damals nicht verstanden, wozu das gut sein sollte. Dennoch war sie eine fleißige Schülerin, die begierig neue Aufträge erledigte und sich von den anfänglichen Hürden nicht beirren ließ. Sie wollte lernen, was sie hier lernen konnte, und sie wusste, dass dies der beste Ort war, um es zu lernen. Inzwischen war sie auf der letzten Stufe ihrer Ausbildung angekommen und verstand, warum die ersten Lektionen ausgerechnet der höchste Meister erteilte und auch, warum dies auch die letzten Lektionen waren. Sie lehrten nicht viel anderes, als die ersten, nun aber im Kontext all dessen, was sie vorher gelernt hatte. Und nun die klare und deutliche Anweisung, das am ersten Tag erteilte Verbot zu brechen, mehr noch, die Uhr zu holen und die merkwürdige Anweisung das, was sich darin befand anzulegen. Was das zu bedeuten hatte, konnte sie wohl nur herausfinden, wenn sie der Anweisung Folge leistete. Unwillkürlich hatten sie ihre Füße schon sehr weit hinauf gebracht in diesem großen und unübersichtlichen Gebäude (dies war der Grund, warum auch die erste Anweisung stets eine Herausforderung für neue Schüler darstellte). Sie bog um die letzte Ecke und stand vor der Tür, durch die sie bisher nur einmal geschritten war.

Langsam öffnete sie diese und trat ein. Der Raum war in das warme Licht der untergehenden Sonne getaucht, bis Mitternacht war es noch geradezu lächerlich viel Zeit. Sie trat auf die Uhr zu und betrachtete sie. Erstaunlicherweise zeigte diese exakt fünf Minuten vor Mitternacht. Sie ging einmal um die Uhr herum um sie von allen Seiten zu bewundern. Dann trat sie vor sie und öffnete das Uhrglas. Innen war viel mehr Platz, als man von außen vermuten würde. Sie griff hinein und fühlte etwas Weiches, was sie langsam herausnahm. Es war ein Kleid. Nicht irgendein Kleid, nein, es war das Kleid, was nur die Absolventinnen dieser Akademie tragen durften, was all jene auszeichnete und schon von weitem sichtbar machte, die alles gelernt hatten, was man hier lernen konnte und dieses Wissen nun in der Welt anwendeten. Langsam faltete sie es auseinander und bemerkte gleich, das all die notwendigen Bänder fehlten, die das Kleid zusammen hielten. Man hatte ihr befohlen, es anzulegen und sie wusste sehr genau, wie sie das tun musste. Sie würde darunter vollkommen nackt sein. Also entkleidete sie sich langsam und streifte das unvollständige Gewandt über. Sie fühlte sich unbekleidet und verletzlich, da die Bänder, die sonst als nächstes angelegt würden, nicht vorhanden waren. Dennoch fühlte sie sich auch erhaben und stolz — es war klar, dass dies das Ende ihrer Ausbildung war, auch wenn das niemand vorher in irgend einer Weise angedeutet hatte. Doch auch das hatte sie hier gelernt und perfektioniert: die stille Sprache von Zeichen, Andeutungen und Symbolen. Sie befühlte den weichen, fließenden Stoff und bemerkte jetzt erst, dass sich in der einzigen Tasche ein Zettel befand. Sie nahm ihn heraus und las:

Suche nacheinander alle deiner Meister auf. Bei ihnen wirst du die fehlenden Bänder erhalten, wenn du würdig bist. Beginne mit dem zweiten Meister.

Nun war klar, was zu tun war so dass sie sich sofort auf den Weg machte.

Leise klopfte sie zum zweiten Mal an die Türe des letzten Meisters, inzwischen bis auf ein Band vollständig angekleidet. Es war das wichtigste Band, das das alles zusammen hielt und so verhüllte wie es sich für eine Trägerin dieses Gewandes fast immer ziemte.
Wieder musste sie warten und dachte noch einmal über ihre Prüfungen nach. Für sie waren sie nicht sehr schwer gewesen: sie musste jedem Meister vorführen, was sie bei ihm gelernt hatte. Da man die nächste Stufe erst erreichen konnte, wenn man das Gelernte auch wirklich beherrschte und auch danach immer wieder übte, war es mehr ein Ritual als eine wirkliche Prüfung gewesen. Jeder Meister hatte ihr am Ende für ihre Anwesenheit gedankt und ehrfürchtig dem Gewand sein Band hinzugefügt. Dennoch war es anstrengend gewesen, besonders, da sie zwischendurch keine Pause hatte. Es war kurz vor Mitternacht und sie war gespannt, was sie im letzten Raum erwarten würde.
Herrein erklang die ruhige, kühle Stimme des letzten Meisters.
Sie trat ein.

Der Raum war in warmes Licht von vielen Kerzen getaucht, was ihn völlig anders wirken ließ, als sie es gewohnt war. In der Mitte standen in einem Kreis alle Meister und schauten erwartend zu ihr herüber.
Komm näher.
Sie tat, wie ihr der Meister geheißen hatte bis sie direkt in der Mitte des Kreises stand der sich nun geschlossen hatte.
Du bist hier um das letzte Band auf deinem Weg zu erhalten. Die Prüfung, die dich hier erwartet, wird sich von allen vorangegangenen unterscheiden. Du wirst sie bestehen und danach keine Schülerin von uns mehr sein. Wir entlassen dich in die Welt und wünschen dir, dass du dort glücklich wirst. Solltest du irgendwann hierher zurückkehren, so nur als Meisterin und erst, wenn die viel mehr Erfahrung gesammelt hast als du bisher hast. Und nun lasst uns beginnen!
Sie wusste nicht wie, doch bei den letzten Worten des letzten Meisters löschten sich alle Kerzen. Viele Hände griffen scheinbar willkürlich und doch nach einem seltsamen Muster nach ihr. Einige hielten ihr Augen und Mund Nase zu, andere schienen sie anzuheben. Sie spürte, wie ihr das letzte Band angelegt wurde, doch nicht so, wie es üblich war, sondern so, dass sie sich nicht mehr bewegen konnte. Sie wehrte sich nicht, ließ alles mit sich machen, doch mehr weil ihr keine andere Wahl blieb, als weil sie sich nicht wehren wollte. Dann wurde es schwarz.

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